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Regeln? – Regeln sind was für Anfänger!

November 4, 2014

Mein Sohn hat die Regeln für sich entdeckt und ist zur Zeit der Regelpolizist in unserer Familie! Er ist im letzten Kindergartenjahr und hat jetzt gelernt, dass es Regeln gibt und das im Kindergarten (natürlich nicht nur dort) die Regeln eingehalten werden müssen. Dementsprechend müssen wir uns zu Hause auch an die Regeln halten, damit er gewisse Regeln verinnerlicht. Das ist nicht immer einfach! Ich wusste gar nicht, wie viele Regeln es im Kindergarten gibt! Natürlich versteht er noch nicht den Sinn aller Regeln, deswegen muss er einfach zuerst die Disziplin aufbringen sich die Regeln zu merken um sie einhalten zu können. Wahrscheinlich kennen viele noch diese Kindergartenregeln, allerdings halten wir sie mit Sicherheit nicht mehr so streng ein wie früher. Warum? Weil wir erwachsener geworden sind und den Sinn der Regeln verstanden haben. Diesen Sinn der Regeln übertragen wir wie selbstverständlich auf Alltagssituationen. Der Sinn der Regeln und unsere Erfahrung ermöglichen uns dann Interpretationsspielräume in der Auslegung der Regeln, so dass wir uns freier und natürlicher bewegen können.
Schön zu beobachten ist das bei Kindern, die anfangen sich im Straßenverkehr zu bewegen. Zu Beginn müssen sie an jeder Straße erinnert werden, dass sie erst nach links und rechts schauen, bevor sie gehen. Haben sie diese ganzen Regeln verinnerlicht, dann fallen ihnen die Erwachsenen auf, die sich nicht an die Regeln halten. Natürlich überquert kein Erwachsener die Straße, ohne sich zu vergewissern, dass die Straße frei ist. Als Erwachsene haben wir den Überblick, wo wir hin wollen, so dass wir frühzeitig den Blick auf die Straße richten können. Wir sehen Lücken und wissen, wann wir über die Straße können. Kinder haben diesen Weitblick noch nicht.
Worum geht es prinzipiell im Straßenverkehr?
Um Präsenz, damit wir uns selber schützen können!
Der zweite Punkt wird leider oft vergessen:
2. Rücksichtsvolles Verhalten! Es gibt Menschen, die sich nicht mehr oder noch nicht so sicher im Straßenverkehr bewegen.

Wenn diese beiden Prinzipien von allen verinnerlicht wären, dann bräuchten wir nicht so viele Regeln und könnten uns natürlicher in Straßenverkehr bewegen. (Ich weiß, dass das natürlich eine Utopie ist, aber hoffen darf man ja!)

Was hat das jetzt mit dem Lernen von Kampfkünsten und Qi Gong zu tun?
Auch für das Lernen von Bewegung gibt es Regeln, sehr viele Regeln, so viele Regeln, dass wir gar nicht alle befolgen können! Da wir gelernt haben uns an Regeln zu halten, haben wir oft den Eindruck, dass der Lehrer, der die meisten Regeln kennt der beste ist, da er scheinbar mehr weiß! Über Regeln können wir uns unterhalten, wir können beobachten, wer sich an diese Regeln hält und wer nicht. Aber haben wir den Sinn der Regeln verstanden? Erkennen wir die grundlegenden Prinzipien, die hinter diesen Regeln stehen? Oder hindern uns die Regeln( ab einem gewissen Zeitpunkt) in unserer natürlichen Entwicklung?
Ich erlebe oft, dass neue Schüler mit Regeln im Kopf zu mir in den Unterricht kommen. Wenn ich sie dann korrigiere und die Korrektur scheinbar gegen diese Regeln verstößt, entsteht Unischerheit. Diese Unsicherheit hält uns aber davon ab, uns wirklich voll und ganz auf eine Lehrmethode einzulassen! Dieses Vertrauen brauchen wir aber, um unsere eigenen Erfahrungen machen zu können, die wir dann natürlich reflektieren müssen. Über unsere eigenen Erfahrungen bekommen wir einen persönlichen Zugang zu der Trainingsmethode. Erst dann beginnt wirkliches Verständnis.
Deswegen die – zugegeben etwas provozierende – Überschrift:

Regeln sind etwas für Anfänger!
Ein Beispiel: Die Knieregel!

Wenn wir in eine Stellung sinken, darf das Knie nicht über die Fußspitzen hinausgehen! Insgesamt sollte sich das Knie immer über der Fußsohle stehen!
So die Regel. Aber welchen Sinn hat die Regel? Sie soll uns vor Verletzungen schützen. Wenn wir zu tief in die Stellung sinken und das Knie zu weit vor den Fußspitzen steht, kann es zu eine Fehlbelastung an der Pantellasehne kommen. Da ist natürlich nicht gut und muss verhindert werden. Aber, diese Regel gilt für Anfänger, die noch nicht genug Gefühl für ihren Körper, insbesondere für die Fußsohle entwickelt haben. Fehlt das Gefühl, so müssen wir uns durch optische, also äußerliche Kontrolle, korrigieren. Ist unser Gefühl für die Fußsolhe aber vorhanden, so können wir spüren, wenn unser Knie falsch steht. Sollte es dann optisch nicht genau über dem Fuß stehen, so ist das nicht mehr schlimm. Wir können diese Regel vergessen, da wir den Sinn verstanden haben und die Essenz Regel verinnerlicht wurde. Wir können spüren, was richtig und was falsch ist. Ein stumpfes einhalten der Regel hindert uns daran, unser Körpergefühl entsprechend zu entwickeln.
Ein weitere Beispiel, die äußeren Zusammenschlüsse, also Schulter – Hüfte, Ellenbogen – Knie und Hand – Fuß. Fehlt mir das Gefühl für diese Zusammenschlüsse, so muss ich durch eine optische Korrektur im Spiegel immer wieder die Zusammenschlüsse korrigieren. Legen wir diese Zusammenschlüsse wirklich hundert prozentig aus, dann können wir uns nicht mehr wirklich bewegen. Aber durch eine äußere Kontrolle der Zusammenschlüsse erreichen wir nach und nach ein kompakteres Körpergefühl. Haben wir das erreicht, so ersetzt dieses Körpergefühl die Regel. Wir arbeiten also dann mit dem Körpergefühl weiter und versuchen dieses zu vertiefen. Natürlich können wir uns zur Kontrolle auch mal wieder vor den Spiegel stellen und mit geschlossenen Augen das kompakte Körpergefühl einstellen. Ob unser Gefühl uns trügt, können wir dann im Spiegel kontrollieren.
Also auch hier gilt, dass die Regel verinnerlicht werden muss und gefühlt werden muss. Dann können wir sie wieder loslassen.
Versuchen sie nur mal die Knieregel und die Zusammenschlüsse bei komplexen Bewegungen einzuhalten. Ich glaube nicht, dass sie dann das Gefühl haben sich natürlich zu bewegen.
Deswegen sind Regeln etwas für Anfänger! Allerdings sind sie wichtig, denn ohne gewisse Regeln werden wir unser Körpergefühl nicht vertiefen können und mangels Körpergefühl kann es zu Verletzungen kommen.
Wir sollten aber immer Chen Xiaowangs oberste Regel beachten:

NATÜRLICHKEIT

Mit dieser Regel hebelt Chen Xiaowang Wang alle anderen Regeln und Pseudoregeln aus! Sehr geschickt gemacht.
Aber wie kommen wir zur „Natürlichkeit“? Indem wir probieren und nach und nach immer mehr auf unseren Körper hören. Wir müssen ausprobieren, wie weit lassen sich Regeln auslegen, welchen Spielraum haben wir? Regeln geben uns eine klarer Struktur vor und somit Halt. Aber wir müssen lernen den Halt in uns zu finden und bereit sein für unser Weiterkommen die Verantwortung zu übernehmen. Regeln sind immer von Menschen für Menschen gemacht und haben ihren Ursprung in persönlicher Erfahrung, die in eine Reglen gefasst wird. Ob diese persönliche Erfahrung sich eins zu eins auf uns übertragen lässt, wissen wir nicht genau. Deswegen sollten wir uns immer über einige Aspekte Gedanken machen:
1. Kann ich denen, die die Regeln aufgestellt haben vertrauen?
2. Welche Abischt wird mit den Regeln verfolgt?
3. Gibt es ein grundlegendes Prinzip hinter den Regeln?
4. Hindert mich die Regel an meiner persönlichen Entwicklung?

Beispiel: Die rote Ampel!
Zu 1: Ja, denn sonnst könnte ich in diesem Land ja nicht mehr guten Gewissens leben!
Zu 2: Andere zu schützen und den Verkehrsfluss zu regulieren!
Zu 3: Ja, in letzter Instanz ist es das Grundgestezt!
Zu 4: Ja, manchmal hindert mich die Regel, gerade dann wenn ich es eilig habe. Aber genauso schützt sie mich und andere. Alles in allem ist sie sinnvoll!
Ob es bei dieser Regel auch sinnvolle Spielräume gibt oder nicht, überlasse ich Ihnen!

Genauso können wir es auch bei der Knieregel checken! Als Anfänger macht die Regel Sinn! Aber irgendwann kann sie mich an meiner persönlichen Entwicklung hindern. Je nach dem wie mein Körperbau ist, je nachdem welche Hüftblockaden ich habe muss ich mir Spielräume suchen! Ich muss ausprobieren. Hindert mich mein Lehrer an dieser Entwicklung, indem er auf Einhaltung der Regeln pocht, so hindert er mich an meiner Entwicklung.

Interessant ist, dass sich der Umgang mit Regeln nicht nur auf diese beiden Themen bezieht. Wie viele Menschen gibt es, gerade in der jetzigen Zeit, die sich willkürlichen Regelwerken unterwerfen, ohne sie zu hinterfragen, einfach nur, um die Eigenverantwortlichkeit abzugeben. Das bezieht sich nicht nur auf religiöse Regelwerke!

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2 Kommentare
  1. Oh, mein Kind ist auch im Kindergartenalter!

    Ich finde den Aspekt „Sicherheit geben“ bei Regeln sehr wichtig. Und je sicherer man im Laufe der Zeit ist, desto weiter kann man die Regeln dehnen oder sogar durchbrechen. Das gilt bei kleinen und bei großen Kindern und genauso wie bei „kleinen“ und „großen“ TaijilerInnen.

    • Danke für den Kommentar! Sehe ich genauso. Nur aus dem Gefühl der Sicherheit kann das Vertrauen in die eigene Person entstehen, so dass wir überhaupt erst den Mut zum Experimentieren aufbringen können. Bei Kindern, wie auch beim Tai Chi Lernen, …

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